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Gedanken zwischen heute, gestern und morgen
von Christiane Müller

 

Gedanken zwischen heute, gestern und morgen

Während ich diesen Artikel schreibe, sind seit den grauenvollen Meldungen und den unfaßbaren Horrorbildern des 11. Septembers 2001, die wir alle nur langsam und widerwillig begreifen konnten, erst zwei Tage vergangen. Wir alle spüren, daß sich etwas für immer verändert hat, und neben dem tiefgreifenden Schock, dem maßlosen Entsetzen über die Grausamkeiten, die Menschen in der Lage sind, Menschen anzutun, und der weltweiten Trauer empfinden wir auch eine so vorher noch nicht erlebte Angst, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Wie konnte so etwas geschehen? Wie sollen wir damit zurecht kommen, was die Attentäter von New York und Washington getan haben? Und das sollen wirklich Menschen wie wir sein? Was konnte sie dazu treiben, ohne jedes Zögern Tausenden von Menschen und ganz bewußt gleichzeitig sich selbst nach einem exakt festgelegten, kaltblütigen Plan den Tod zu bringen? Wer steht hinter diesem teuflischen Szenario? Werden wir uns von jetzt an nie wieder ganz sicher fühlen können? Was werden die nächsten Tage, Wochen und Monate bringen?

Zahllose Fragen wie diese beschäftigen uns alle wieder und wieder und lassen uns den Alltag, den ach so wichtigen Job, den Kontostand und all die kleinen Sorgen und Probleme vergessen, die wir bisher für den Mittelpunkt unserer Welt gehalten haben. Und dennoch wissen wir, wie schnelllebig die heutige Zeit ist. Werden wir nicht vielleicht morgen schon wieder in den alt gewohnten Alltag zurückkehren und versuchen, diesen wahr gewordenen Alptraum zu vergessen, ohne weiter darüber nachzudenken? Ich glaube, das wäre der größte Fehler, den wir jetzt begehen können, und deshalb schreibe ich heute diese Zeilen.

Neben all den quälenden Fragen, der Trauer, Wut und Hilflosigkeit und dem alles bestimmenden Wunsch, irgendwie helfen zu können, bewegen mich auch ganz persönliche Gedanken, die sich nicht gerade leicht in Worte fassen lassen. Es gibt eben einfach Gefühle, vielleicht auch Ahnungen oder sogar Gewißheiten, über die man normalerweise nicht spricht. Man befürchtet, mißverstanden, verspottet oder gar für verrückt gehalten zu werden. Also, behält man das, was nicht so richtig in die heutige Zeit und in unsere Gesellschaft paßt, wohl besser für sich? – Nein! Meine ganz persönliche Erfahrung des 11. Septembers 2001 heißt: Du mußt offen sagen, was Du fühlst und denkst - ganz ohne falsche Scham -, und Du mußt Deine Gedanken und Gefühle so vielen Menschen wie nur möglich zugänglich machen. Sonst machst Du Dich mit schuldig an dem, was in Zukunft geschehen wird.

Wir alle wissen, daß unsere Gegenwart und Zukunft von der Vergangenheit beeinflußt und bestimmt wird. Nun möchte ich Sie nicht mit historischen Details langweilen, aber Sie alle kennen sicher selbst genügend Beispiele dafür, daß im Laufe der Geschichte der Menschheit wieder und wieder, überall auf der Welt und in jeder Epoche die mit Abstand grausamsten und verabscheuungswürdigsten Verbrechen, Massenmorde, Verfolgungen, Folterungen, Unterdrückungen und Kriege unter dem Deckmantel der Religion „im Namen Gottes“ stattgefunden haben. Und auch diesmal wurde genau dieses Motiv zuerst genannt. Inzwischen haben wir uns ja auch längst daran gewöhnt, daß es nun einmal so ist. Aber dürfen wir uns damit so einfach abfinden? – Ich glaube, nein!

Was sind das eigentlich für Menschen, die ein vollgetanktes Flugzeug mit unschuldigen Passagieren – und mit sich selbst ganz vorn – zielstrebig und ohne Zögern in den sicheren Tod steuern? Haben wir nicht eigentlich alle Angst vor dem Sterben? Wieso waren ausgerechnet die Massenmörder von New York, Washington und Pittsburgh offensichtlich völlig frei von dieser Angst? – Auf diese Frage gibt es nur eine einzige, erschreckende Antwort: Man kann Menschen nur dann zu lebenden Bomben machen und zu grauenvollen Selbstmordanschlägen wie diesen führen, wenn man ihnen einredet, sie würden das Richtige für Gott tun, und sie würden anschließend im Paradies dafür mit einem viel glücklicheren Leben belohnt und als Helden verehrt. Sicher, für uns ist es nur sehr schwer oder überhaupt nicht nachvollziehbar, wie Menschen auf solche infamen Lügen hereinfallen können, aber die Realität zeigt uns, daß es selbsternannten religiösen Führern im Laufe der Geschichte immer wieder gelungen ist, bestimmte, besonders labile und hoffnungslose Menschen, die selbst keinen Sinn in ihrem Leben finden konnten, von genau diesen Lügen zu überzeugen und sie damit zu lebendigen Waffen in ihren Händen zu machen. Wer gibt ihnen das Recht dazu? – Etwa Gott? – Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Aber genau diesen gewissenlosen, angeblich für Gott handelnden Drahtziehern müssen wir so schnell wie möglich den Kampf ansagen, wenn wir verhindern wollen, daß sich der Horror von New York und Washington ausbreitet und vielleicht sogar noch verschlimmert.

Gut, soweit klar. Aber wie sollen wir das anstellen? – Beginnen wir doch zunächst mit scheinbar ganz einfachen Fragen: Wer ist eigentlich Gott? – Das kann uns keiner so genau sagen, und es gibt rund um die Welt die verschiedensten Antworten und Vorstellungen, wenn man diese Frage stellt. Also, lassen wir sie erst einmal im Raum stehen, und fragen wir anders: Was sind eigentlich Religionen und Sekten? – So verschieden sie sich auch geben, einige Gemeinsamkeiten lassen sich nicht verleugnen. Alle Religionen und Sekten verstehen sich als das einzig wahre Sprachrohr Gottes - wer oder was auch immer damit gemeint sein mag -, und daraus leiten sie das Recht ab, uns und unser Leben zu bestimmen, unsere Fehler zu verurteilen, und uns letztendlich grauenvolle Strafen und Qualen in der Hölle anzudrohen, falls wir nicht nach ihren Regeln leben und wenn wir ihren Anordnungen nicht folgen. Daß sie hier in Europa dafür auch noch Geld verlangen und damit eines der größten und mächtigsten Wirtschafts- und Finanzimperien der Welt aufgebaut haben, ist an der Stelle eigentlich schon eher eine Nebensache. Zu denken geben sollte uns diese Tatsache aber trotzdem.

Was sind denn eigentlich die zehn Gebote, die Suren des Koran oder die von Sektenführern propagierten Lebensregeln? Wissen wir nicht im Grunde genommen alle selbst ganz genau, daß wir kein Recht haben, andere Menschen zu töten, zu bestehlen, zu belügen und zu betrügen? Muß uns das wirklich erst jemand klarmachen, der im Gegenzug im harmlosesten Fall unsere Bewunderung, unseren Gehorsam und unser Geld verlangt, im schlimmsten Fall aber eben manchmal auch Auftragsmorde im Namen Gottes?

Lassen Sie mich im Folgenden ganz bewusst eine provozierende Theorie aufstellen und damit zu der eben erst einmal zur Seite gelegten Frage zurückkommen, wer sich denn nun hinter dem großen Gott, Allah, Manitu oder wem auch immer verbirgt. Selbst gesehen hat ihn noch keiner von uns, und direkt mit ihm sprechen können wir auch nicht. Ist ja auch nicht nötig, denn wir haben ja unsere Vermittler, Boten und Übersetzer im Vatikan, in den Kirchen, Moscheen, Tempeln und Sektenhauptquartieren. Aber dürfen wir das wirklich noch länger so hinnehmen?

Am Beispiel der Bibel läßt sich ungefähr darstellen, von wie vielen Menschen an den unterschiedlichsten Orten und in den verschiedensten Epochen die alten Texte inzwischen übersetzt und widergegeben wurden. Dabei will ich keinem von ihnen eine böse Absicht unterstellen. Ich bin selbst Übersetzerin und deshalb zwangsläufig daran interessiert, meine Berufskollegen in Schutz zu nehmen – auch die aus vergangenen Jahrhunderten. Trotzdem weiß ich, daß es bei jeder Übersetzung unvermeidbar zu Fehlern und Fehlinterpretationen kommen kann. Wird ein Text nur einmal übersetzt, hält sich der Schaden dabei glücklicherweise in Grenzen. Was wird aber aus einem uralten Original, wenn es wieder und wieder übersetzt wird und wenn jeder neue Übersetzer die Fehler und Mißverständnisse seines Vorgängers mit übernimmt und selbst bewußt oder auch unbewußt neue hinzufügt? Diese Vorstellung erinnert zwangsläufig an das nette kleine Spiel „Stille Post“, das wir als Kinder sicher alle schon gespielt haben.

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Wer waren die Auftraggeber der Übersetzungen? Und wer konnte in der Vergangenheit überhaupt eine ausreichende Bildung erlangen, um Fremdsprachen zu erlernen? Dort schließt sich der Kreis, und es wird Zeit für unseren neuen Gedanken. – Was wäre, wenn Gott eigentlich gar kein über den Wolken sitzendes oder uns von irgendwo sonst beobachtendes Wesen ist, und wenn die religiösen Führer überall auf der Welt diese Vorstellung schlicht und einfach erfunden hätten, um unter diesem Logo die Dienstleistung Glaube und Hoffnung erfolgversprechend vermarkten zu können und über ihre Anhänger zu herrschen? – Ein interessanter Aspekt. Nicht?

Und was wäre, wenn Gott in Wirklichkeit nur ein Symbol für das Gute auf dieser Welt wäre, wenn er sozusagen in uns allen wäre, wenn wir selbst mit unserem Tun, Denken und Handeln Gott verkörpern? Dann brauchten wir zwangsläufig auch keine Vermittler, Boten und Übersetzer mehr, und umgekehrt hätten sie keine Macht mehr über uns. Und wenn jeder die uralten Lügen durchschauen würde, gäbe es auch kein Versprechen mehr, das verblendete Menschen dazu bringen könnte, grausame Morde zu begehen, bei denen sie selbst sterben, denn ohne die alten Legenden gäbe es eben auch plötzlich kein Paradies und keine Hölle mehr.

Habe ich Sie erschreckt? Ist diese Vorstellung zu provozierend? Und worauf sollen wir dann noch hoffen? Wenn es wirklich kein Paradies und keinen Himmel mehr geben soll, was kommt dann nach dem Tod? Und warum sollten wir uns dann eigentlich noch darum bemühen, uns an die moralischen Regeln im Zusammenleben auf der Welt zu halten?

Ich meine aber, dafür gibt es in dem Fall erst recht einen guten Grund. Wenn wir selbst ganz allein für unser Tun und Handeln verantwortlich sind, wenn wir selbst unser Leben bestimmen, wenn wir selbst Gott sind, dann liegt es auch in unseren eigenen Händen, was danach kommt.

An dieser Stelle komme ich zu den Gedanken und Überzeugungen, über die man sich viel zu oft scheut zu sprechen. Ich weiß mit hundertprozentiger Sicherheit aus ganz persönlichen, beeindruckenden Erfahrungen, daß es hier und heute viel, viel mehr gibt, als die meisten Menschen ahnen und, daß jeder Tod ganz und gar nicht das Ende, sondern ein Neubeginn ist. Und ich glaube, daß jeder von Ihnen diese Erfahrungen auch machen kann, wenn er nur immer und überall ganz genau zuhört, die Augen öffnet und sich vor allem nicht von dem behindern läßt, was ihm andere über Generationen hinweg eingeredet haben.

In diesen von Angst und Schrecken geprägten Tagen wird so viel über die „zivilisierte Welt“ gesprochen. Was ist das eigentlich? Und wer entscheidet, was „zivilisiert“ ist. – Ich versichere Ihnen, daß es Völker auf dieser Erde gibt, die von der Sichtweise, die ich eben angedeutet habe, fest überzeugt sind, so lange die Erinnerungen ihrer Vorväter zurückreichen. Sicher würden einige von uns diese Völker nicht gerade als „zivilisiert“ bezeichnen, aber man wird dennoch nicht leugnen können, daß es ausgerechnet unter diesen Menschen niemals Grausamkeiten und Morde im Namen Gottes und der Religion gegeben hat. Darüber sollten wir doch besser einmal nachdenken. Oder?

In den letzten Wochen und Monaten haben sich meine eigenen Erfahrungen und Empfindungen in beinahe erschreckender Art und Weise vertieft und verstärkt. Ich habe in meiner Heimatstadt den tragischen Unfall eines kleinen Jungen vorausgesehen und meiner Familie davon erzählt, bevor sich dieser Unfall leider tatsächlich genau an dieser Stelle ereignet hat. Und ich habe schon Tage vor dem 11. September 2001 eine noch nicht da gewesene Bedrohung gespürt, einen Schatten, der alles andere, was mir vorher so enorm wichtig erschien, banal werden ließ. Ich konnte nicht mehr schlafen und war in den Stunden vor den Anschlägen krank, ohne wirklich körperlich krank zu sein. Und ich weiß, daß es sich bei all dem um ganz klare Zeichen und Hinweise handelt. Nichts ist schlimmer als das Gefühl, jemand wollte mich warnen, und ich habe es nicht gut genug verstanden und konnte deshalb nichts tun. Diese Gewißheit ist erschreckend und großartig zugleich. In Zukunft werde ich garantiert noch viel besser zuhören als bisher, und das sollten wir alle versuchen. Und verstehen Sie mich an dieser Stelle bitte nicht falsch. Diese Signale kommen keinesfalls von einem höheren Wesen. Sie werden es selbst erleben, wenn Sie es nur wollen.

Nur wenn wir Schritt für Schritt umdenken und begreifen, daß wir ganz allein durch unser Tun und Handeln hier und heute bestimmen, wie unser nächstes Leben nach dem Tod sein wird – vergleichbar mit dem Paradies oder eher mit der Hölle? -, wird sich endlich niemand mehr von falschen Versprechungen dazu verleiten lassen, andere und sich selbst im Namen Gottes zu töten. Ich versichere Ihnen, die Kamikaze-Piloten werden ihr blaues Wunder erleben und statt auf das erhoffte Paradies auf einige recht unangenehme Überraschungen stoßen.

Die Ereignisse der letzten Stunden und Tage sind meiner Meinung nach ein ganz deutliches Signal: Wir dürfen die Lügen der selbsternannten Prediger und Propheten nicht mehr länger tolerieren, wir müssen uns gegenseitig helfen, auf keine der gefährlichen Versprechungen mehr hereinzufallen, und wir müssen lernen, offen zu sein und zuzuhören. Schließlich sollte jeder von uns frei entscheiden dürfen, was er glaubt, und wenn er erst eigene Erfahrungen macht, wird die Erkenntnis atemberaubend schön sein. Das verspreche ich Ihnen. Sie brauchen dazu ganz einfach nur Ihr Herz, Ihren Verstand und vor allem Ihre Seele, die schon so viel mehr erlebt hat als das Hier und Heute und die auch in ferner Zukunft noch einiges mehr erleben wird.

In New York City habe ich vor etwa zwei Jahren die beeindruckende Freundlichkeit, Wärme und Hilfsbereitschaft der angeblich so oberflächlichen Amerikaner selbst erleben dürfen. Deshalb überrascht es mich auch nicht, wie diese Menschen jetzt zusammenstehen, um sich gegenseitig beistehen zu können, so gut es nur geht. Und genau das ist der erste Schritt in die richtige Richtung, den die Attentäter und ihre Drahtzieher ganz gewiß nicht voraussehen konnten.

Wenn wir jetzt nach- und umdenken – einfach Schritt für Schritt -, erreichen die Hintermänner der feigen Morde genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich im Sinn hatten. Ist das nicht ein faszinierender Gedanke?

Wenn wir es wirklich wollen, können wir diese Welt und uns selbst verändern und dabei endlich wieder viel glücklicher, freier, sicherer und vor allem lebendiger werden – weil wir Menschen sind.

Oberhausen, den 13. September 2001

Christiane Müller

 

 

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