Welt der Marionetten

 

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Welt der Marionetten
von Christiane Müller

veröffentlicht in der Anthologie:
"Die schlafenden Mumien" von Gisela Ermel (Hrsg.), 1. Auflage 2000

 

...gewidmet all denen, die glauben, die Größten, die Klügsten und die Einzigen zu sein...

Vielleicht brannte die Sonne an diesem Junitag zu heiß für die Jahreszeit auf den Strand von San Diego, aber die Gruppe der Studenten desAbschlußsemesters der University of California, die dort laut durcheinander plapperte und lachte, beachtete es nicht.
"Oh, Susan, du mußt unbedingt die Show mit deiner Robin-Beck-Parodie beginnen", riefen einige begeistert, und andere fielen aufgeregt ein:"Ja, und zuletzt kommst du als Tina Turner. Dann tobt sowieso der ganze Saal, und wir könnten nichts anderes mehr bringen."
Wie immer saß Susan Carwright in der Mitte ihrer Freunde, und auch wenn die anderen es meist nicht bemerkten, drehte sich doch stets alles um sie.
Das strahlend schöne Mädchen mit der rotbraunen Löwenmähne, der Traumfigur und den geheimnisvollen grün-grauen Augen war nun einmal von Anfang an für jeden die beliebteste Kommilitonin gewesen. So klug, lebhaft und talentiert auf fast allen Gebieten wurde sie immerzu bewundert, und Neid kam höchstens manchmal im Geheimen auf, weil sie trotz allem auch noch freundlich und natürlich blieb. Ihr Lächeln brachte fast jeden männlichen Studenten regelmäßig um den Schlaf, und deshalb konnten sie ihr Glück kaum fassen, daß sie sich noch für keinen von ihnen entschieden hatte. Mal ging sie mit dem und mal mit dem anderen aus, und alle hofften und träumten weiter, versuchten ihr Bestes und wußten doch, daß sie bei ihr wohl nie eine echte Chance bekommen würden.

Neben ihr saß wie immer Lisa Hunter, ein fröhliches blondes Mädchen mit blauen Augen, das auf seine Art eigentlich auch sehr hübsch genannt werden konnte, an Susan's Seite aber verblaßte.
Im Gegensatz zu der Sache mit den Jungen war Susan's Wahl gleich zu Beginn des Studiums auf Lisa gefallen, und seitdem kannte man sie als unzertrennliche Freundinnen.
Manchmal fragte sich Lisa, womit sie diesen Vorzug verdiente, aber es hatte sich nun einmal so ergeben, und mit der Zeit hatte sie aufgehört, über die Gründe nachzudenken. Dazu mochte sie Susan viel zu gern, inzwischen mehr wie eine Schwester als wie eine Freundin, und daß Susan als Waise bei ihrer Tante aufgewachsen und Lisa's Mutter vor fünf Jahren gestorben war, spielte in ihrer engen Bindung nur eine kleine Rolle.

Hinter den Mädchen lagen nun herrliche, unbeschwerte Jahre voller gemeinsamer Erlebnisse, besonders während all der glücklichen Semesterferien in General Hunter's Haus in Washington, und jetzt standen sie also kurz vor dem Ende des einen und dem Beginn eines neuen Lebensabschnitts.
Es war die Abschlußfeier an der Uni, auf die sich die jungen Leute am Strand so aufgeregt vorbereiteten, und die Sonne ging schon unter, als sie sich endlich auf den Programmablauf geeinigt hatten. Endlich wußte jeder, worin seine Aufgaben bestanden, und mancher lief nun ganz verträumt zu seinem Wagen, weil er in Gedanken bereits total in den Vorarbeiten und den Proben steckte.
Nur Susan blieb auch auf dem Weg zum Parkplatz wieder umringt von Freunden, die munter auf sie einredeten, wobei einer den anderen
übertraf.
Gerade als Lisa der lauten Gruppe nacheilen wollte, um sie einzuholen, hielt sie Edward Barnes zurück: "Hör' zu, Lisa, ich muß unbedingt noch heute mit dir sprechen. Es ist ganz wahnsinnig wichtig, wirklich." Der unauffällige, unsportliche Einzelgänger mit den Sommersprossen, der irgendwie viel jünger und unreifer wirkte als seine Kameraden, der aber trotzdem vor allem am Computer, der neben Detektivgeschichten sein ganzes Leben auszufüllen schien, außergewöhnliche Leistungen aufweisen konnte, die ihm den Respekt aller eintrugen, wurde oft nicht ernst genug genommen und nicht selten nur für Hilfsaktionen ausgenutzt.
Auch Lisa fand, daß der wohl wieder einmal maßlos übertrieb. "Du kannst es mir doch auch gleich hier sagen oder es verschieben. Tu' nicht wieder so geheimnisvoll, Sherlock Holmes!" Aber Edward ließ sich nicht abwimmeln: "Bitte, diesmal ist es ehrlich enorm wichtig. Es geht um Susan. Und sag' ihr bitte nichts davon! O.k.?"
Bei diesen Worten beschlich Lisa ein unangenehmes Gefühl, obwohl sie wieder nur eine der üblichen Geschichten von Edward erwartete, die zunächst die Story des Jahrhunderts versprachen, sich aber dann immer ganz schnell in alltägliche Zufälle auflösten und wie Seifenblasen zerplatzten.
Teils aus diesem unbestimmten Gefühl heraus und teils, weil Edward ihr leid tat, den die meisten nur verspotteten, sagte sie ihm gegen ihren Willen und ihre eigentlichen Pläne dann doch zu: "lst gut, ich schau' nachher kurz bei dir vorbei, aber nur für ein paar Minuten. Heute abend will ich mit Susan und Debbie noch die Entwürfe für unsere Kostüme zeichnen, und wenn sich deine lebenswichtige Sache wieder als Flop erweist, kostet das ein Essen bei "Gino's. Alles klar?"
Damit rannte sie den anderen nach, und warum sie Susan und Debbie während der Fahrt zum Apartment und auch dann, als sie zum Supermarkt ging, um für's Abendessen einzukaufen, nichts von dem Gespräch mit Edward erzählte, wußte sie selbst nicht genau. Wahrscheinlich wollte sie nur nicht ausgelacht werden. Jedenfalls bedeutete der Abstecher zu Edward, der direkt gegenüber des Supermarkts wohnte, keinen großen Umweg.

Edward zog sie in sein Zimmer, in dem stets überall ein Chaos von Papieren herrschte und wo der Computer den absoluten Mittelpunkt bildete, kaum daß sie angeklopft hatte.
"Setz' dich hin, Lisa, und hör' mir bitte genau zu! Du weißt, daß ich mich für Susan interessiere, ja, so wie fast alle, und du weißt auch, daß ich mich gern damit beschäftige, den Computer dazu zu nutzen, die Vergangenheit der Leute ein bißchen zu durchstöbern - natürlich nur, soweit die Informationen so gut wie legal zugänglich und nicht zu persönlich sind."
"He", unterbrach ihn Lisa empört, "das ist ja...", aber Edward ließ sie ungewohnt entschieden nicht ausreden.  "Wie du darüber denkst, ist mir jetzt egal. Du sollst mir zuhören und mich ausreden lassen! Also, ich hatte da einen Plan. Susan sagte doch immer, daß sie gern mehr über ihre Eltern wüßte, und ich wollte über sie sammeln, was ich herausfinden konnte und es Susan dann bei einem Abendessen präsentieren. Wer weiß, vielleicht hätte ihr das imponiert und ihre Meinung über mich geändert.
Tja, und bei den Ermittlungen bin ich dann auf eine ganz seltsame Geschichte gestoßen. Susan's Eltern lebten auch nach ihrer Geburt beide noch. Als sie drei Monate alt war, hatten sie mit ihr zusammen einen schweren Autounfall, dessen Ursache bis heute nicht geklärt ist. Der Wagen geriet in Brand, Susan's Eltern kamen dabei um's Leben, aber das Baby blieb rätselhafterweise unverletzt.
Danach wuchs Susan bei ihrer Tante auf, die ihre einzige lebende Verwandte war, und stell' dir vor, während Susan vor dem Beginn des Studiums mit ein paar Schulfreunden die Ferien in Kanada verbrachte, stürzte ihre Tante aus dem Fenster. Ob es ein Unfall oder Selbstmord gewesen ist, liegt genauso im Dunkeln wie der Hergang des Unfalls fast neunzehn Jahre zuvor. Das alles passierte in Paso Robles, also gar nicht so weit weg von hier.
Jetzt frage ich dich: Hat Susan jemals mit dir darüber gesprochen? Schließlich bist du ja ihre beste Freundin."
Bei dieser Frage schreckte Lisa auf, denn sie war immer nachdenklicher geworden und hatte still und mit abwesendem Blick zugehört. Nun dauerte es eine Weile, bevor sie zu sprechen begann.
"Nein, ich wußte nichts davon, aber ich finde dieses Schicksal erschütternd, und ich bewundere Susan, weil sie es vorbildlich verkraftet hat und weil sie trotz allem so ein optimistischer, lieber Mensch geblieben ist. Wenn ich so allein auf der Welt wäre und so viel Furchtbares erlebt hätte, würde ich auch nicht darüber reden. Auf diese Weise gelingt es vielleicht, auch das Schlimmste mit der Zeit zu verdrängen. Es läßt sich leider nicht mehr ändern, daß du in Susan's Leben herumgestochert hast, aber ich bitte dich, laß' es jetzt dabei, gib die Sache auf, und sprich Susan vor allem nie darauf an!"
"Du verstehst mich nicht. Ich will ihr doch nicht weh tun, aber es ist alles so seltsam, und es beschäftigt mich, wieso sie selbst dir gegenüber den Unfall und den Tod ihrer Tante nie erwähnt hat. Vielleicht könnten wir ihr helfen. Nur wie, weiß ich selbst noch nicht", verteidigte sich Edward.
Aber Lisa ließ sich nicht beirren: "Ich hab' dich immer für einen netten Kerl gehalten, der zu oft verkannt wird, und deshalb bin ich heute hier. Bitte zerstöre jetzt nicht diesen Eindruck, vergiß sie Story, und benutze dein Talent und deinen Computer für nützlichere Dinge! Es tut mir nur leid, daß ich hergekommen bin, denn ab heute wird es mir schwerfallen, Susan in Zukunft unbefangen in die Augen zu sehen. Man sollte die Menschen nicht durch's Schlüsselloch belauschen, aber ich will versuchen, dieses Gespräch aus meinem Gedächtnis zu streichen."
Damit stand sie auf und ging entschlossen zur Tür, und Edward spürte, daß es sinnlos war, noch etwas zu unternehmen, um sie aufzuhalten.

In dem Apartment, das Lisa und Susan gemeinsam bewohnten, fand Lisa beim Heimkommen den Tisch und sogar den gesamten Fußboden mit Skizzen und Entwürfen bedeckt, und Susan und Debbie steckten sie mit ihrem Eifer und ihrer Begeisterung sofort an.
Nur bei Debbie's vorwurfsvollen Worten: "Hat das lange gedauert! Wir schuften hier, und du dehnst das Einkaufen mal wieder für einen neuen Flirt aus", fühlte sie sich für einen Moment befangen und ertappt, als sie Susan's Blick traf, aber sie gab dem plötzlichen Drang, sie in die Arme zu nehmen und ihr zu sagen: "Es tut mir alles so leid", nicht nach und kam beim Zeichnen und Tüfteln zum Glück schnell auf andere Gedanken.

 

Teil 2

 

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