Welt der Marionetten

 

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Welt der Marionetten
von Christiane Müller

veröffentlicht in der Anthologie:
"Die schlafenden Mumien" von Gisela Ermel (Hrsg.), 1. Auflage 2000

 

Teil 2

Die nächsten drei Wochen, die letzten an der Uni für die Abschlußgruppe, vergingen wie im Flug in aufgeregter, fröhlicher Hektik. Alle steckten voll und ganz in den Vorbereitungen und in den Proben für die Feier, die der größte Erfolg seit Bestehen der University of California werden sollte, wenn man den jungen Leuten Glauben schenken wollte.
Als es soweit war, konnte es keiner so richtig fassen, jeder versicherte nervös, noch gar nicht bereit zu sein, und doch klappte die Show dann fast perfekt.
Die so sorgfältig geplanten Auftritte lösten Jubelstürme aus, und selbstverständlich wurde Susan wieder einmal als der absolute Star gefeiert.
Nach dem Programm setzten sich Lisa und Susan strahlend und aufgeregt wie Kinder vor der Weihnachtsbescherung auf ihre Plätze am Tisch von General Hunter, der noch einmal extra applaudierte und seinen Stolz weder verbergen konnte noch wollte.
Der Achtundfünfzigjährige, der noch immer wie ein großer, starker Bär wirkte, hatte nach dem Tod seiner Frau nach dreißig Jahren glücklicher Ehe weit mehr gelitten, als er je zugeben würde, und seine kleine Lisa, der seitdem all seine Liebe allein gehörte, war neben seiner verantwortungsvollen Tätigkeit im Verteidigungsministerium sein einziger Trost gewesen. Für sie, die so zielstrebig ihren Weg ging und trotzdem tief im Inneren noch ein Kind zu sein schien, das seine Wärme und Geborgenheit brauchte, lohnte es sich für ihn, weiter zu leben.
Schon immer hatten seine Frau und seine Tochter ihn aufgrund seiner Position und seines Einsatzes dafür seltener gesehen als andere Familien den Vater, doch Lisa's Abschlußfeier ließ er sich auf keinen Fall entgehen. Dafür mußte er ganz einfach frei nehmen und von Washington nach San Diego kommen.

"He, Kleines, ich bin so stolz auf dich", flüsterte er ihr jetzt im Trubel zu, und Lisa lehnte sich kurz zärtlich an ihn und raunte zurück: "Und ich auf dich, Paps, und ich bin so glücklich, daß du heute hier bist."
Ein fester Händedruck beendete diese Episode, die von den anderen gar nicht bemerkt worden war. Trotzdem fühlte sich Lisa erleichtert, als sie nach einem Blick auf Susan feststellte, daß diese sich gerade angeregt mit Debbie und Lucy unterhielt, und der General verstand diesen Blick.
Lisa hatte von jeher damit gelebt, daß ihr Vater nur selten zu Hause sein konnte, aber die außergewöhnlich enge Beziehung zu ihm und die Gewißheit, daß er doch zur Stelle war, wenn sie ihn wirklich brauchte, gaben ihr immer Kraft und Sicherheit.
Nur Susan gegenüber mochte sie das nicht zur Schau stellen, um sie nicht schmerzlich daran zu erinnern, daß sie bei keinem Vater und keiner Mutter Zuflucht suchen konnte.
Jedesmal, wenn Susan den Sommer in Washington verbrachte, war auch der General stets bemüht gewesen, darauf Rücksicht zu nehmen, und inzwischen sah Susan ihn fast schon wie einen leiblichen Verwandten, dem sie ihre Zuneigung in Form von beinahe familiärer Vertrautheit und Offenheit zeigte.

Selbstverständlich wurden die beiden Mädchen auch an diesem Abend nahezu pausenlos zum Tanzen aufgefordert und umlagert, aber während einer Pause der Band, als gerade die Tombola-Verlosung stattfand, für die die beiden vergessen hatten, Lose zu kaufen, ergab sich die Gelegenheit für ein kurzes Gespräch zu dritt am Tisch.
"Ach, Susan, könntest du nicht noch einmal versuchen, Lisa zu beeinflussen? Ich habe doch schon sämtliche Tricks erfolglos ausprobiert. Da hat sie so einen glänzenden Abschluß, fast schon so exzellent wie du, und trotzdem will sie ausgerechnet zur Presse, obwohl sie genau weiß, was ich von all den aufdringlichen Reportern halte. Dabei wäre gerade eine Vertrauensstelle für eine junge Absolventin bei uns im Ministerium frei, und ich hätte meine Kleine doch zu gern in meiner Nähe."
Ein nicht ganz ernst zu nehmender Seufzer begleitete diese Worte des Generals, aber Susan wußte, daß sie ihm in der Sache nicht helfen konnte.
"Sie sollten endlich den Tatsachen ins Auge sehen, lieber James! Neben ihnen sitzt die engagierteste zukünftige Pullitzer-Preisträgerin, die Amerika je hatte. Wenn es um ihren Traum und ihre Überzeugung geht, versteht unsere Profi-Journalistin nun mal keinen Spaß, und da muß selbst die Familie zurückstecken. Was soll's also?"
Bei dieser etwas schelmisch vorgetragenen Belehrung hatte Susan den Zeigefinger erhoben und gelächelt, aber danach wurde sie ungewohnt ernst.
"Vielleicht sollte ich Lisa um ihre Entschlossenheit, ihren Traum zu verwirklichen, sogar beneiden. Sie kennt ihren Weg und geht ihn, aber ich habe zwar den besten Abschluß hier, aber immer noch keine Vorstellung davon, was ich eigentlich genau daraus machen will. Fest steht nur, daß ich das alte Haus meiner Tante in Paso Robles verkaufen und irgendwo ganz neu anfangen werde."
Zunächst hatte Lisa nur verschmitzt eingeworfen: "Gib's endlich auf, Paps! Daß ich Journalistin werden will und zwar eine gute und keine von denen, die dir das Leben vermiesen, und daß ich daran glaube, daß die Welt ein Recht auf ehrliche Information hat, stand für mich schon während der Schulzeit fest. Außerdem möchte ich meine Karriere allein aufbauen, nicht als die Tochter des Generals im Ministerium", aber
nach Susan's letzten Worten blieb sie einige Zeit ganz still und meinte dann mit strahlendem Blick: "Sag mal, Paps, wenn du so verzweifelt eine Spitzenabsolventin suchst, warum fragst du dann nicht einfach Susan? Beeil' dich, bevor der Präsident sie dir wegschnappt!"
General Hunter stutzte nur kurz und wandte sich dann Susan zu:
"Ganz im Ernst, Susan, hiermit biete ich dir die Stelle offiziell an. Ich hätte das ja nie gewagt, wo doch deine außergewöhnlichen Qualitäten sich sicher längst überall herumgesprochen haben. Da dachte ich, du hättest schon mindestens hundert verlockende Angebote.
Also, überleg's dir, und gib mir dann Bescheid! Du würdest zwar nur als Sekretärin anfangen, aber bei uns nimmt man nun mal nicht jede, deine Aufgaben wären vielfältig, und ein Aufstieg in andere Positionen nach gewisser Zeit ist auf alle Fälle möglich."
Lisa jubelte vor Glück. "Sag' einfach ja, bitte! Dann kommst du mit nach Washington und wohnst bei uns, und wir bleiben weiter zusammen, für immer! Na los!", und als Susan antwortete: "o.k., das ist ein Anfang und klingt nicht übel, und es würde mir sehr viel bedeuten, noch eine Weile bei euch zu sein. Danke!", fiel sie ihr um den Hals wie ein Kind.
Jetzt strahlte auch Susan, und der General verbarg nur mühsam seine Rührung. Daß die beiden Mädchen so sehr aneinander hingen und Susan wahrscheinlich sogar in Lisa und ihm so eine Art Familie sah, bewegte ihn, und er nahm sich fest vor, sich dementsprechend um sie zu kümmern.
Viel zu oft sprach man von der verdorbenen, faulen Jugend ohne Gefühl und Ehrgeiz, aber jetzt schöpfte er neue Hoffnung und fand das Gerede völlig übertrieben.

Gerade als Lisa und Susan in Gedanken schon ihre Zimmer einrichteten und ihre Abende und Wochenenden in Washington verplanten und den General daran teilhaben lassen wollten, unterbrach sie Edward, der mit einem überdimensionalen Radiorecorder an ihren Tisch getreten war und ungewohnt fröhlich wirkte.
"Seht mal, ich habe den Hauptgewinn der Tombola, ausgerechnet ich! Heute ist wohl mein Glückstag, und ich finde es gar nicht nett, daß ihr das nicht einmal zur Kenntnis nehmt. Zur Strafe müßt ihr jetzt noch eine nach der anderen mit mir tanzen."
Damit stellte er den Recorder ab, und Lisa hängte sich als Erste lachend bei ihm unter.
Auf der Tanzfläche sah Edward sie auf einmal wieder sehr ernst und fast besorgt an.
"Ich muß noch einmal mit dir über Susan reden, bitte, nur ein einziges Mal! Es ist ungeheuer wichtig und hat absolut nichts mit Neugier zu tun."
Bei Lisa war er damit aber an der falschen Adresse. Sie wies ihn empört zurück.
"Endlich war ich dabei, die dumme Geschichte fast zu vergessen, und jetzt fängst du wieder damit an. Ich hatte so gehofft, du wärst vernünftig geworden, und wenn du jetzt nicht aufhören kannst, dann will zumindest ich nicht das Geringste damit zu tun haben. O.k.?"
Edward mußte einsehen, daß sie ihn beinahe stehenließ und lenkte deshalb hastig ein. "Na gut, Schluß damit! Ich hätte deine Hilfe dringend gebraucht, aber reden wir von etwas anderem! Wie sehen deine Pläne aus? Bleibst du bei deinen Illusionen vom sauberen Journalismus?"
"Klar, und die werde ich auch nie aufgeben! Ich habe die Stelle beim Washingtoner "Evening Star" jetzt sicher und fange dort ganz unten an, aber genau so hab' ich es ja auch gewollt. Du wirst schon noch von mir hören und den Beweis kriegen, daß ich es schaffe."
 Diesen Abend mochte Lisa nicht mit einem Streit beenden, und deshalb tat es ihr gut, das Thema wechseln zu können. "Susan geht übrigens mit mir nach Washington. Sie fängt bei meinem Vater im Ministerium an. Ist das nicht phantastisch?"
Bei dieser Neuigkeit zuckte Edward förmlich zusammen, aber er verdrängte die Worte, die ihm auf der Zunge brannten, und den Gedanken, der ihn gerade fesselte, denn das auszusprechen, hätte wohl nur alles noch schlimmer gemacht. So bemerkte Lisa in ihrer Aufregung auch nichts von seinem inneren Kampf.
"Ja, wirklich toll! Es wäre ja auch unvorstellbar, daß ihr beide euch irgendwann trennt. Ich gehe übrigens doch nach Atlanta zu der Computerfirma. Die Entwicklung interessiert mich eben doch mehr als das bloße Eingeben von Programmen."
Als der Tanz beendet war, führte Edward Lisa zurück an ihren Platz und sagte dabei noch ganz leise und schnell: "Wenn du's dir doch noch anders überlegen solltest, dann ruf' mich einfach an! Versprich mir das bitte!"
Genug Zeit für eine Antwort blieb Lisa allerdings nicht mehr, was sie mit Erleichterung zur Kenntnis nahm.
Im weiteren Verlauf dieses Abends wich sie Edward aus und sah ihn auch nach einiger Zeit nicht mehr. Sie begleitete ihren Vater erst gegen Morgen zu seinem nahen Hotel, und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß Susan mit Debbie und Pete zum Apartment fuhr, entschied sie vor Müdigkeit, über Nacht bei ihm in der geräumigen Suite zu bleiben.

Vom Hotel aus rief Lisa dann am nächsten Tag nach dem späten Frühstück im Apartment an, um Susan zu einer Tour nach "Sea World" mit ihrem Vater einzuladen, zu der sie ihn eben überredet hatte.
Erschrocken vernahm sie Susan's völlig veränderte Stimme am Telefon, der man deutlich anmerkte, daß sie die Tränen nur mühsam unterdrückte.
"Ein Glück, daß du anrufst! Es ist alles so schrecklich hier. Überall ist Polizei, und sie verhören jeden. Man hat heute morgen Edward Barnes im Park vor dem Supermarkt erschlagen aufgefunden. Sein Geld, seine Uhr und der Recorder, den er gestern gewonnen hatte, sind dabei gestohlen worden."
Nun weinte sie doch. "Mein Gott, wie kann ein Mensch nur so etwas tun? Wie sinnlos das alles ist!"
Lisa sank auf den Stuhl nieder, der glücklicherweise neben dem Telefon stand, ließ den Hörer achtlos fallen und blickte ins Leere, während ihr die Tränen über's Gesicht liefen.
So fand sie der General, der sie sofort fest in die Arme schloß. Trotzdem brauchte sie noch mehrere Tage, um die grauenvolle Nachricht auch nur einigermaßen zu verarbeiten, zumal sie zusätzlich die schlimmsten Vorwürfe quälten, warum sie Edward nicht doch zugehört und ihn dagegen so schroff abgewiesen hatte.
Darüber sprach sie jedoch mit keinem, genau wie all die anderen in ihrer Trauer um den netten Spinner verschwiegen, wie leid es ihnen tat, Edward oft nicht ernst genug genommen zu haben.

 

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