Teil 2
Die nächsten drei Wochen, die letzten an der Uni für
die Abschlußgruppe, vergingen wie im Flug in aufgeregter,
fröhlicher Hektik. Alle steckten voll und ganz in den Vorbereitungen
und in den Proben für die Feier, die der größte
Erfolg seit Bestehen der University of California werden sollte,
wenn man den jungen Leuten Glauben schenken wollte. Als es soweit
war, konnte es keiner so richtig fassen, jeder versicherte nervös,
noch gar nicht bereit zu sein, und doch klappte die Show dann fast
perfekt. Die so sorgfältig geplanten Auftritte lösten
Jubelstürme aus, und selbstverständlich wurde Susan wieder
einmal als der absolute Star gefeiert. Nach dem Programm setzten
sich Lisa und Susan strahlend und aufgeregt wie Kinder vor der Weihnachtsbescherung
auf ihre Plätze am Tisch von General Hunter, der noch einmal
extra applaudierte und seinen Stolz weder verbergen konnte noch
wollte. Der Achtundfünfzigjährige, der noch immer
wie ein großer, starker Bär wirkte, hatte nach dem Tod
seiner Frau nach dreißig Jahren glücklicher Ehe weit
mehr gelitten, als er je zugeben würde, und seine kleine Lisa,
der seitdem all seine Liebe allein gehörte, war neben seiner
verantwortungsvollen Tätigkeit im Verteidigungsministerium
sein einziger Trost gewesen. Für sie, die so zielstrebig ihren
Weg ging und trotzdem tief im Inneren noch ein Kind zu sein schien,
das seine Wärme und Geborgenheit brauchte, lohnte es sich für
ihn, weiter zu leben. Schon immer hatten seine Frau und seine
Tochter ihn aufgrund seiner Position und seines Einsatzes dafür
seltener gesehen als andere Familien den Vater, doch Lisa's Abschlußfeier
ließ er sich auf keinen Fall entgehen. Dafür mußte
er ganz einfach frei nehmen und von Washington nach San Diego kommen.
"He, Kleines, ich bin so stolz auf dich", flüsterte
er ihr jetzt im Trubel zu, und Lisa lehnte sich kurz zärtlich
an ihn und raunte zurück: "Und ich auf dich, Paps, und
ich bin so glücklich, daß du heute hier bist."
Ein fester Händedruck beendete diese Episode, die von den anderen
gar nicht bemerkt worden war. Trotzdem fühlte sich Lisa erleichtert,
als sie nach einem Blick auf Susan feststellte, daß diese
sich gerade angeregt mit Debbie und Lucy unterhielt, und der General
verstand diesen Blick. Lisa hatte von jeher damit gelebt, daß
ihr Vater nur selten zu Hause sein konnte, aber die außergewöhnlich
enge Beziehung zu ihm und die Gewißheit, daß er doch
zur Stelle war, wenn sie ihn wirklich brauchte, gaben ihr immer
Kraft und Sicherheit. Nur Susan gegenüber mochte sie das
nicht zur Schau stellen, um sie nicht schmerzlich daran zu erinnern,
daß sie bei keinem Vater und keiner Mutter Zuflucht suchen
konnte. Jedesmal, wenn Susan den Sommer in Washington verbrachte,
war auch der General stets bemüht gewesen, darauf Rücksicht
zu nehmen, und inzwischen sah Susan ihn fast schon wie einen leiblichen
Verwandten, dem sie ihre Zuneigung in Form von beinahe familiärer
Vertrautheit und Offenheit zeigte.
Selbstverständlich wurden die beiden Mädchen auch an
diesem Abend nahezu pausenlos zum Tanzen aufgefordert und umlagert,
aber während einer Pause der Band, als gerade die Tombola-Verlosung
stattfand, für die die beiden vergessen hatten, Lose zu kaufen,
ergab sich die Gelegenheit für ein kurzes Gespräch zu
dritt am Tisch. "Ach, Susan, könntest du nicht noch
einmal versuchen, Lisa zu beeinflussen? Ich habe doch schon sämtliche
Tricks erfolglos ausprobiert. Da hat sie so einen glänzenden
Abschluß, fast schon so exzellent wie du, und trotzdem will
sie ausgerechnet zur Presse, obwohl sie genau weiß, was ich
von all den aufdringlichen Reportern halte. Dabei wäre gerade
eine Vertrauensstelle für eine junge Absolventin bei uns im
Ministerium frei, und ich hätte meine Kleine doch zu gern in
meiner Nähe." Ein nicht ganz ernst zu nehmender Seufzer
begleitete diese Worte des Generals, aber Susan wußte, daß
sie ihm in der Sache nicht helfen konnte. "Sie sollten
endlich den Tatsachen ins Auge sehen, lieber James! Neben ihnen
sitzt die engagierteste zukünftige Pullitzer-Preisträgerin,
die Amerika je hatte. Wenn es um ihren Traum und ihre Überzeugung
geht, versteht unsere Profi-Journalistin nun mal keinen Spaß,
und da muß selbst die Familie zurückstecken. Was soll's
also?" Bei dieser etwas schelmisch vorgetragenen Belehrung
hatte Susan den Zeigefinger erhoben und gelächelt, aber danach
wurde sie ungewohnt ernst. "Vielleicht sollte ich Lisa
um ihre Entschlossenheit, ihren Traum zu verwirklichen, sogar beneiden.
Sie kennt ihren Weg und geht ihn, aber ich habe zwar den besten
Abschluß hier, aber immer noch keine Vorstellung davon, was
ich eigentlich genau daraus machen will. Fest steht nur, daß
ich das alte Haus meiner Tante in Paso Robles verkaufen und irgendwo
ganz neu anfangen werde." Zunächst hatte Lisa nur
verschmitzt eingeworfen: "Gib's endlich auf, Paps! Daß
ich Journalistin werden will und zwar eine gute und keine von denen,
die dir das Leben vermiesen, und daß ich daran glaube, daß
die Welt ein Recht auf ehrliche Information hat, stand für
mich schon während der Schulzeit fest. Außerdem möchte
ich meine Karriere allein aufbauen, nicht als die Tochter des Generals
im Ministerium", aber nach Susan's letzten Worten blieb
sie einige Zeit ganz still und meinte dann mit strahlendem Blick:
"Sag mal, Paps, wenn du so verzweifelt eine Spitzenabsolventin
suchst, warum fragst du dann nicht einfach Susan? Beeil' dich, bevor
der Präsident sie dir wegschnappt!" General Hunter
stutzte nur kurz und wandte sich dann Susan zu: "Ganz im
Ernst, Susan, hiermit biete ich dir die Stelle offiziell an. Ich
hätte das ja nie gewagt, wo doch deine außergewöhnlichen
Qualitäten sich sicher längst überall herumgesprochen
haben. Da dachte ich, du hättest schon mindestens hundert verlockende
Angebote. Also, überleg's dir, und gib mir dann Bescheid!
Du würdest zwar nur als Sekretärin anfangen, aber bei
uns nimmt man nun mal nicht jede, deine Aufgaben wären vielfältig,
und ein Aufstieg in andere Positionen nach gewisser Zeit ist auf
alle Fälle möglich." Lisa jubelte vor Glück.
"Sag' einfach ja, bitte! Dann kommst du mit nach Washington
und wohnst bei uns, und wir bleiben weiter zusammen, für immer!
Na los!", und als Susan antwortete: "o.k., das ist ein
Anfang und klingt nicht übel, und es würde mir sehr viel
bedeuten, noch eine Weile bei euch zu sein. Danke!", fiel sie
ihr um den Hals wie ein Kind. Jetzt strahlte auch Susan, und
der General verbarg nur mühsam seine Rührung. Daß
die beiden Mädchen so sehr aneinander hingen und Susan wahrscheinlich
sogar in Lisa und ihm so eine Art Familie sah, bewegte ihn, und
er nahm sich fest vor, sich dementsprechend um sie zu kümmern.
Viel zu oft sprach man von der verdorbenen, faulen Jugend ohne Gefühl
und Ehrgeiz, aber jetzt schöpfte er neue Hoffnung und fand
das Gerede völlig übertrieben.
Gerade als Lisa und Susan in Gedanken schon ihre Zimmer einrichteten
und ihre Abende und Wochenenden in Washington verplanten und den
General daran teilhaben lassen wollten, unterbrach sie Edward, der
mit einem überdimensionalen Radiorecorder an ihren Tisch getreten
war und ungewohnt fröhlich wirkte. "Seht mal, ich
habe den Hauptgewinn der Tombola, ausgerechnet ich! Heute ist wohl
mein Glückstag, und ich finde es gar nicht nett, daß
ihr das nicht einmal zur Kenntnis nehmt. Zur Strafe müßt
ihr jetzt noch eine nach der anderen mit mir tanzen." Damit
stellte er den Recorder ab, und Lisa hängte sich als Erste
lachend bei ihm unter. Auf der Tanzfläche sah Edward sie
auf einmal wieder sehr ernst und fast besorgt an. "Ich
muß noch einmal mit dir über Susan reden, bitte, nur
ein einziges Mal! Es ist ungeheuer wichtig und hat absolut nichts
mit Neugier zu tun." Bei Lisa war er damit aber an der
falschen Adresse. Sie wies ihn empört zurück. "Endlich
war ich dabei, die dumme Geschichte fast zu vergessen, und jetzt
fängst du wieder damit an. Ich hatte so gehofft, du wärst
vernünftig geworden, und wenn du jetzt nicht aufhören
kannst, dann will zumindest ich nicht das Geringste damit zu tun
haben. O.k.?" Edward mußte einsehen, daß sie
ihn beinahe stehenließ und lenkte deshalb hastig ein. "Na
gut, Schluß damit! Ich hätte deine Hilfe dringend gebraucht,
aber reden wir von etwas anderem! Wie sehen deine Pläne aus?
Bleibst du bei deinen Illusionen vom sauberen Journalismus?"
"Klar, und die werde ich auch nie aufgeben! Ich habe die Stelle
beim Washingtoner "Evening Star" jetzt sicher und fange
dort ganz unten an, aber genau so hab' ich es ja auch gewollt. Du
wirst schon noch von mir hören und den Beweis kriegen, daß
ich es schaffe." Diesen Abend mochte Lisa nicht mit
einem Streit beenden, und deshalb tat es ihr gut, das Thema wechseln
zu können. "Susan geht übrigens mit mir nach Washington.
Sie fängt bei meinem Vater im Ministerium an. Ist das nicht
phantastisch?" Bei dieser Neuigkeit zuckte Edward förmlich
zusammen, aber er verdrängte die Worte, die ihm auf der Zunge
brannten, und den Gedanken, der ihn gerade fesselte, denn das auszusprechen,
hätte wohl nur alles noch schlimmer gemacht. So bemerkte Lisa
in ihrer Aufregung auch nichts von seinem inneren Kampf. "Ja,
wirklich toll! Es wäre ja auch unvorstellbar, daß ihr
beide euch irgendwann trennt. Ich gehe übrigens doch nach Atlanta
zu der Computerfirma. Die Entwicklung interessiert mich eben doch
mehr als das bloße Eingeben von Programmen." Als
der Tanz beendet war, führte Edward Lisa zurück an ihren
Platz und sagte dabei noch ganz leise und schnell: "Wenn du's
dir doch noch anders überlegen solltest, dann ruf' mich einfach
an! Versprich mir das bitte!" Genug Zeit für eine
Antwort blieb Lisa allerdings nicht mehr, was sie mit Erleichterung
zur Kenntnis nahm. Im weiteren Verlauf dieses Abends wich sie
Edward aus und sah ihn auch nach einiger Zeit nicht mehr. Sie begleitete
ihren Vater erst gegen Morgen zu seinem nahen Hotel, und nachdem
sie sich vergewissert hatte, daß Susan mit Debbie und Pete
zum Apartment fuhr, entschied sie vor Müdigkeit, über
Nacht bei ihm in der geräumigen Suite zu bleiben.
Vom Hotel aus rief Lisa dann am nächsten Tag nach dem späten
Frühstück im Apartment an, um Susan zu einer Tour nach
"Sea World" mit ihrem Vater einzuladen, zu der sie ihn
eben überredet hatte. Erschrocken vernahm sie Susan's völlig
veränderte Stimme am Telefon, der man deutlich anmerkte, daß
sie die Tränen nur mühsam unterdrückte. "Ein
Glück, daß du anrufst! Es ist alles so schrecklich hier.
Überall ist Polizei, und sie verhören jeden. Man hat heute
morgen Edward Barnes im Park vor dem Supermarkt erschlagen aufgefunden.
Sein Geld, seine Uhr und der Recorder, den er gestern gewonnen hatte,
sind dabei gestohlen worden." Nun weinte sie doch. "Mein
Gott, wie kann ein Mensch nur so etwas tun? Wie sinnlos das alles
ist!" Lisa sank auf den Stuhl nieder, der glücklicherweise
neben dem Telefon stand, ließ den Hörer achtlos fallen
und blickte ins Leere, während ihr die Tränen über's
Gesicht liefen. So fand sie der General, der sie sofort fest
in die Arme schloß. Trotzdem brauchte sie noch mehrere Tage,
um die grauenvolle Nachricht auch nur einigermaßen zu verarbeiten,
zumal sie zusätzlich die schlimmsten Vorwürfe quälten,
warum sie Edward nicht doch zugehört und ihn dagegen so schroff
abgewiesen hatte. Darüber sprach sie jedoch mit keinem,
genau wie all die anderen in ihrer Trauer um den netten Spinner
verschwiegen, wie leid es ihnen tat, Edward oft nicht ernst genug
genommen zu haben. |